Denken - gr. noein , lat. cogitare
Im weitesten Sinn jedes aktive seelische Verhalten des Menschen im Unterschied zum Empfinden, Hingegebensein an Eindrücke, Waltenlassen von Bildern usw.
allgem. Sprachgebrauch: Erinnerung, anschauliches Vorstellen, Vermuten,
Glauben, Hoffen, willentliches Gerichtetsein auf etwas, Vorhaben, Beabsichtigen
etc.
Das Zusammenwirken, die Gesamtheit dieser einzelnen seelischen
Verhaltungsweisen = das Denken des Individuums (gemeint ist seine Gesinnung,
sein Charakter).
Denken = der entscheidende Wesenzug des Menschen (s. Aristoteles).
im philosophischen Sinn: Denken = diejenige von allem Anschauen und
Vorstellen, Meinen und Nachdenken unterschiedene, selbständige und
selbstgesetzliche Tätigkeit des Geistes, die auf das eigentlich Seiende,
das Wesen der Sache, das wahrhaft Wirkliche geht. Das, was diese
Tätigkeit hervorbringt, sind Selbstbestimmungen des Denkens = Gedanken.
Das philosophische Denken hat die überlieferten Ergebnisse je neu zu
durchdenken.
--> Verbundenheit des Denkens mit der Sprache (Wort und Bedeutung).
im logisch-formalen Sinn: Denken = das fehlerfreie Arbeiten des Verstandes. Es bestimmt, vergleicht, unterscheidet, zerlegt die Begriffe, hebt das Gemeinsame an ihnen heraus, um ihre Beziehungen zueinander zu erkennen, führt neue, passendere Begriffe ein, verbindet sie zu Urteilen und Schlüssen miteinander und untersucht diese wieder auf ihre Gesetzmässigkeit usw. Während das philosophische Denken auf Wahrheit geht, strebt das logisch-formale nach Richtigkeit, es unterwirft sich den in der formalen Logik erarbeiteten Gesetzen und Regeln.
zur Entwicklung/Geschichte: Das philosophische Denken wurde zuerst von
Parmenides (ca 500 B.C.) von dem bild- und sinnengebundenen, nur Meinung
(doxa) erzeugenden Denken geschieden. Ebenso trennte Plato Denken
(noesis) und Meinung. Er unterschied näher das reine Denken (nous), das
auf die Urbilder geht; das auf Anschauung angewiesene, Zahlen und Raumgebilde
erkennende Denken (dianoia); die Wahrnehmung (aisthesis), die die
körperlichen Dinge, die Abbilder der Ideen, zum Gegenstand hat, und die
nur mit den Spiegelbildern dieser Dinge beschäftigte eikasia. Das Denken
ist für Plato ein Gespräch der Seele mit sich selbst (Soph. 263 E
ff.).
Entsprechend der Zweiheit von Möglichkeit und Wirklichkeit, Stoff (gr.
hyle, lat. materia) und Form (gr. morphe, lat. causa formalis) unterschied
Aristoteles ein leidendes, passives, stoffgebundenes Denken (nous
pathetikos) und ein tätiges, von nichts anderem bestimmtes, nur sich
selbst bestimmendes, freies Denken (nous poietikos)(De An. III 5, 430 a). Der
metaphysische Begriff eines "Denkens des Denkens" (noesis noeseos), von
Aristoteles auch Theorie genannt.
Neuzeitliche Philosophie: Denken = vorwiegend subjektive Tätigkeit im
Gegensatz zum objektiven Sein und Geschehen.
Hobbes: Denken = Rechnen, ein Addieren und Subtrahieren von Begriffen,
die selbst nur Zeichen der Dinge sind.
Descartes: Denken = Bewusstsein im Gegensatz zum Körperlichen
(Cogito ergo sum).
Locke (tabula rasa) und Hume: aller Stoff des Denkens wird durch
die sinnliche Wahrnehmung gegeben. Denken hat nur die Aufgabe, diesen Stoff zu
ordnen.
Leibniz: jede seelische Tätigkeit ist ein deutlicheres oder
verworreneres Denken. Denken hat eine von der Sinneswahrnehmung
unabhängige Eigengesetzlichkeit (Monade).
Aufklärung: Denken = höheres seelisches Vermögen neben
anderen.
Kant: unterschied das Denken einerseits von der Anschauung, anderseits
vom Erkennen. (s. KrV, B 146/165).
Hegel: Denken denkt sich selbst, indem es das Andere, den Gegenstand,
denkt; es schliesst sich in ihm mit sich selbst zusammen (Dialektik).
19. Jh.: Denken wurde vielfach materialistisch und mechanistisch
erklärt.
20. Jh.: Eigengesetzlichkeit des Denkens (Denkpsychologie).
Denkform: das Formale an den Gedanken und Gedankenverbindungen im
Unterschied zu ihrem Inhalt.
Schleichermacher: Denkstoff und Denken
Reinhold: Denkformen = formale Logik
Hegel: Denkformen = Kantsche Kategorien (Kant: Kategorien = Gedankenformen).
Denkgesetze: vier Grundsätze des richtigen Denkens in der Logik:
1. Satz der Identität
2. Satz vom Widerspruch
3. Satz vom ausgeschlossenen Dritten
4. Satz vom zureichendem Grund
Denkpsychologie: von O. Külpe und seinen Schülern, der sog. Würzburger Schule, gebildeter Ausdruck zur Bezeichnung der von ihnen betriebenen experimentellen Erforschung der Denkvorgänge, von denen sie zeigten, dass sie nicht auf Assoziationen zurückgeführt werden können (vgl. Assoziationspsychologie). Hauptergebnis: Anerkennung "unanschaulicher" Bewusstseinsinhalte.
Denktechniken:
1. scholastische
2. experimentierene
3. dialektische
Alle Denktechniken sind nur ein Formales, das Nachahmbare, Reproduzierbare. Was
im einzelnen Fall der Inhalt, der neue Inhalt wird, was überall das
Schöpferische ist, das kommt nie durch die Technik als solche, sondern in
allen Fällen durch Intuition.
Gedanke: bei Ch. Wolff für lat. perceptio und
cogitatio .
1. der Vorgang des Denkens (Denkakt)
2. der erlebte Denkinhalt, das Erzeugnis oder Ergebnis des Denkens
3. der logische Wert, der ideale Gegenstand, der dadurch definiert wird, dass
jede Aussage als Name eines Gedankens behandelt wird.
Versteht man unter Denken die Erfassung und Herstellung von Bedeutungen,
Beziehungen und Sinneszusammenhängen, so ist hier Gedanke nicht
gleichbedeutend mit Denkakt, auch nicht mit dem Erlebnis des Denkinhalts, sondern mit der Geltung, dem Sein der
subjektunab-hängigen zeitunabhängigen Bedeutungen, Beziehungs- und
Sinnzusammenhänge.
Im dt. Idealismus wird der Gedanke zwar betrachtet als von der Seele erzeugt,
aber der erzeugte Gedanke gilt als eine "unabhängige, für sich
fortwirkende Macht" (Schelling, W. VII, 347).
Gedankending: für lat. ens rationis , das bloss Gedachte, Vorgestellte, nicht in Raum und Zeit Wirkliche.
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