Hyponoetics - Philosophical Essays


Präphilosophischer Begriff des Denkens

Abstract: This is a philosophical analysis of commonly held notions and concepts about thinking and thought. The empirically derived notions are inadequate and insufficient for a deeper understanding of thought itself, but this pre-philosophical understanding of thinking leads to a more refined and profound distinction of different forms of thought and their prominent common features of aspectuality and relativity. [English Version]

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Ausgehend von einem prä-philosophischen Ansatz des Denkens bis hin zu modernen wissenschaftlichen Theorien über das Denken, werde ich versuchen die Einseitigkeit dieser Sichtweisen aufzuzeigen, ihre Schwächen und antinomischen Thesen, sowie die inhärenten logischen Widersprüche und philosophischen Probleme. Die geschichtliche Entwicklung des Denkbegriffs spielt dabei eine wichtige Rolle, insofern nämlich, als nicht der philosophische Denkbegriff in unserer Gesellschaft und in der Wissenschaft dominant wurde, sondern der allgemeine, volkspsychologische Begriff des gesunden Menschenverstandes. Dieser Begriff aber hat sich schon immer auf das Denken innerhalb des Gefüges des alltäglichen Lebens bezogen, hatte also immer schon eine vorwiegend praktisch-pragmatische Dimension, während der philosophische Begriff versuchte, eine höhere Dimension und höhere Fähigkeiten des menschlichen Denkens zu erfassen, was oft in die Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft führte (s. z.B. Kant).

Präphilosophischer Begriff des Denkens

Welcher Begriff hat nun der durchschnittliche Alltagsmensch vom Denken? Welches ist die Antwort desjenigen Menschen, welcher sich täglich mit dem Überleben konfrontiert sieht, wenn man ihn fragt, was Denken ist? Kann er diese Frage überhaupt befriedigend beantworten?
Die Antwort auf die Frage, was ist Denken, wird so vielfältig sein, wie die Ansichten der Menschen es sind, doch kann man gewisse übereinstimmende Grundmuster in diesen Antworten erkennen. Betrachten wir doch einige dieser möglichen Antworten:

  1. Denken ist, wenn ich Überlegungen anstelle, mir Gedanken zu etwas mache
  2. Sobald ich den Mund auftue, also spreche, dann denke ich
  3. Wenn ich mich auf etwas konzentriere, mich intensiv mit etwas beschäftige, dann denke ich
  4. Denken ist die Fähigkeit des Menschen, Ordnung und Struktur in seine alltäglichen Aktivitäten zu bringen
  5. Denken ist das, was den Menschen vom Tier unterscheidet
  6. Denken ist gesunder Menschenverstand
  7. Alle bewussten Aktivitäten des Menschen gehören zum Denken
  8. Denken ist das Resultat von neuro-chemischen Prozessen im Gehirn
  9. Wenn der Mensch mit Absicht handelt, setzt dies Denken voraus
  10. Denken ist Einsicht und Verstehen einer Sache

Es gäbe sicherlich noch viel mehr Antworten. Wir wollen nun zuerst diese 10 Aussagen etwas näher untersuchen und versuchen, gewisse Prinzipien und Strukturen darin erkennen zu können. Was einem zuerst auffällt ist, dass es sich hier NICHT um Definitionen des Denkens handelt, sondern um Beispiele, was Denken darstellen könnte. Dieser allgemeine Denkfehler hat schon Sokrates seinen Schülern vorgeworfen, als diese versuchten, anstatt den verlangten Begriff zu definieren, Beispiele für diesen Begriff aufzuführen. Dieser Mangel zur Abstraktionsfähigkeit ist typisch für den Durchschnittsmenschen, weil er sich in seinem Denken meistens nur auf konkrete Objekte seiner Alltagswelt bezieht. Und wenn er abstrakte Begriffe, wie etwa Gattungs- oder Artbegriffe, verwendet, dann ist immer der Bezug zur konkreten physischen Welt vorhanden. Auch bei Begriffen, wie Liebe, Glück, Freude etc. bestehen immer konkrete Vorstellungen und Verknüpfungen zu bereits erfahrenen und erlebten Zuständen. Sobald er aber diese Begriffe allgemein zu formulieren hat, kommt der Durchschnittsmensch selten über das Niveau des konkreten Bezugs hinaus. Zu stark sind die habituellen und sprachlichen Muster mit den partikulären Gegebenheiten seiner Welt verbunden, als dass er sich ohne Anstrengung überwinden könnte. Und wenn er es dennoch schafft, bestehen grosse Gefahren, dass er sich schnell in Spekulationen, Widersprüche und Absurditäten verstrickt. Abstraktes Denken muss eben gelernt werden, wie konkretes Denken. Da uns aber das konkrete, praktische Denken näher liegt, weil wir es täglich brauchen, halten wir vorschnell das abstrakte Denken für Unsinn und nutzlos, weil es unserer Meinung nach keinen direkten Bezug zur gegenständlichen Welt hat. Doch dies ist nur einer der vielen Irrtümer, denen der Durchschnittsmensch verfällt.

Betrachten wir nun die obigen Aussagen etwas näher:


1. Denken ist, wenn ich Überlegungen anstelle, mir Gedanken zu etwas mache

Hier wird Denken als bewusster Denkakt verstanden, d.h. erst dann, wenn ich bewusst die Fähigkeit des Denkens anwende, denke ich, nicht aber, wenn ich z.B. eine Routinetätigkeit vollziehe oder eine Landschaft betrachte. Ich benötige also einen willentlichen Ansporn, einen Akt des Wollens, um das Denken überhaupt zu aktivieren. Hier zeigt sich bereits das Problem: der Wille ist etwas ausserhalb des Denkens, d.h. wenn ich also etwas tun WILL, dann kann dies ohne den Denkakt geschehen. Das dies sehr fragwürdig ist, zeigt unsere tägliche Erfahrung: wenn wir uns z.B. von einer liegenden Position in eine stehende Position bewegen wollen, benötigen wir neben dem Willen zur Bewegung auch noch den motivierenden Anstoss. Warum will ich aufstehen? Weil ich zur Arbeit muss. Dies ist ein Denkprozess, der dem Willensakt vorausgeht. Aber auch Empfindungen und Gefühle sind im Denken, wie es hier verstanden wird, nicht enthalten. Wenn ich etwas bedenke, ist das Fühlen ausgeschalten. Auch dies wird von der Praxis widerlegt: das Fühlen ist oft dominierend in unserem Denken, affektiert unsere Denkprozesse derart, dass wir uns oft unvernünftig, nicht logisch verhalten und erst später, wenn wir unsere Handlungen distanziert und sachlich betrachten, erkennen wir unsere emotionale Denkweise.
Ich nenne diesen Begriff des Denkens eliminativer Denkbegriff, weil er alle anderen Fähigkeiten des Menschen ausschliesst und nur den Denkakt als solchen gelten lässt. Wir werden noch sehen, dass ein reines Denken tatsächlich möglich ist, doch nicht im dem Sinne, wie es hier aus alltäglicher Sicht verstanden wird, sondern im philosophischen Sinne.


2. Sobald ich den Mund auftue, also spreche, dann denke ich

Diese Aussage findet sich nicht nur beim Alltagsmenschen sehr oft, sondern ist eine grundlegende These der Analytischen Philosophie und der Linguistik. Sprache bestimmt das Denken. Die Art wie wir sprechen bestimmt die Art und Weise der Begriffe, welche wir in unserem Denken verwenden. Diese These setzt aber nicht Sprache und Denken gleich, sondern lässt Sprache dem Denken vorgehen. Durch die Erlernung der Sprache in unserer Kindheit, erlernten wir auch das Denken, in dem wir uns die nötigen Begriffe erworben haben. Denken wird hier also auf Begriffe, auf Grammatik und Syntax reduziert. Mit Sprache ist natürlich nicht nur der verbale Sprechakt gemeint (wie in dieser Aussage), sondern auch wenn wir für uns im stillen Gedanken machen, dann geschieht dies mit den Begriffen der Sprache und mit der Sprache, die wir erlernt haben. Wir verbleiben also auch beim unausgesprochenen Denken innerhalb der Struktur der Sprachlichkeit, welches immer auch ein soziales Gefüge ist.
Wir werden sehen, dass diese moderne analytisch-linguistische Denktheorie nur auf das praktische Denken des Alltags bezogen werden kann und auch Gültigkeit hat, wenn aber auf das Denken im allgemeinen und auf das philosophische Denken im besonderen ausgedehnt, nicht mehr haltbar ist. Ich nenne diesen Begriff des Denkens analytisch-linguistischer Denkbegriff.


3. Wenn ich mich auf etwas konzentriere, mich intensiv mit etwas beschäftige, dann denke ich

Die bewusste Fokussierung des Denkens auf eine innere oder äussere Sache wird hier als Denken bezeichnet. Dieser Begriff ist ähnlich eliminativ wie derjenige in 1), jedoch kann dieser Begriff weiter gefasst werden, weil auch Wille und Emotion eingebunden sein können. Die Konzentration auf eine Sache kann sachlicher, rein objektiver Natur sein, z.B. wenn ich etwas lerne, oder aber auch psychischer Natur, z.B. bei einem Liebesakt. Trotz dieses etwas erweiterten Begriffs, wird das Denken dennoch auf die wichtige Eigenschaft der Konzentration beschränkt. Nur wenn ich aufmerksam bin, denke ich. Dass Fokussierung ein sehr wichtiges Element des Denkens ist, wird sich uns noch zeigen, doch es ist nicht die sine qua non des Denkens.
Ich nenne diesen Begriff des Denkens ergonomischer Denkbegriff, weil auf das Umfeld der Arbeit ("ergos") und der Aktivitäten des Menschen bezogen ist. Arbeit, wenn nicht gerade Routinearbeit, verlangt Konzentration und Aufmerksamkeit. Aber auch Aktivitäten, die nicht routinemässig durchgeführt werden, erfordern eine Fokussierung des Denkens auf die Prozesse dieser Aktivität.


4. Denken ist die Fähigkeit des Menschen, Ordnung und Struktur in seine alltäglichen Aktivitäten zu bringen

Denken wird im Kantischen Sinne als Verstehen aufgefasst, welches nach inhärenten Verstandeskategorien die Wahrnehmungen der Sinne ordnet und strukturiert. Die alltägliche Auffassungen bezieht sich zwar nicht auf Kantische Kategorien des Verstandes. Dennoch wird dem Denken eine logische Fähigkeit zugewiesen. Die Logik des Denkens besteht darin, gegebene Zusammenhänge miteinander nach Gesetzen der Logik zu verknüpfen, also Widersprüchlichkeiten zu vermeiden ("tertium non datur"). Logisches Denken gilt aber bereits schon als besonders geschultes oder besonders befähigtes Denken, welches nicht jedem Menschen gegeben ist. Viele Menschen sind gar nicht fähig, in geordneten und rationalen Strukturen zu denken oder nur während kurzer Zeit. Diese Charakterisierung des Denkens ist also sicherlich nicht ein allgemeines Merkmal des Denkens, sondern vielmehr eine Spezifizierung des Denkens. Das Logische ist sicherlich ein sehr wichtiger Aspekt des Denkens, aber nicht schlechthin. Wir werden auch noch sehen, dass der moderne Begriff von Logik sehr eng gefasst ist und in der Praxis und der Wissenschaft zwar in dieser Art dienlich sein mag, doch damit kaum der Struktur der Realität gerecht wird. Deshalb nenne ich diesen Begriff des Denkens logischer Denkbegriff.


5. Denken ist das, was den Menschen vom Tier unterscheidet

Hier wird sehr grob versucht, das Charakteristische des Menschen auf das Denken zu reduzieren. Das Tier kann nicht denken, obwohl, und dies wird allgemein zugestanden, es Bewusstsein hat. Doch Denken ist etwas zusätzliches zum Bewusstsein, eine erweiterte Fähigkeit des Bewusstseins, was durch die Komplexität des Gehirn zu erklären versucht wird. Je komplexer ein Organismus ist, desto komplexer und höher entwickelt auch seine Fähigkeiten. Das Gehirn als das komplexeste Organ der Natur scheint damit für das Denken geradezu prädestiniert zu sein. Bereits Aristoteles und überhaupt das Altertum bis zur Renaissance bezeichnete den Menschen als "animal rationale". Der Körper und die Funktionen des Körpers, inklusive der Wahrnehmung, hat der Mensch mit dem Tier gemeinsam ("animal"). Doch zusätzlich hat der Mensch "ratio", d.h. Verstand, Geist, Vernunft, Gemüt etc. Hier liegt gerade die Gefahr der modernen Denk- und Bewusstseinstheorien, die versuchen Bewusstsein auf neurologische Gehirnprozesse zu reduzieren (Identitätstheorie, Parallelismus, Epiphänomenalismus etc.). Wir werden uns detailliert mit diesen Theorien auseinandersetzen und den fundamentalen Denkfehler, den sie vollziehen, aufzeigen.
Diese Definition versucht das Denken als Artunterschied zu spezifizieren, und deshalb nenne ich diesen Begriff des Denkens generischer Denkbegriff.


6. Denken ist gesunder Menschenverstand

Dieser Versuch einer Definition setzt bereits einen Begriff voraus, der ebenfalls definiert werden muss. Denn was ist gesunder Menschenverstand? Der Massstab für einen gesunden Menschenverstand dürfte wahrscheinlich ebenso verschieden sein wie die Definitionen. Grundsätzlich wird darunter das durchschnittliche Denken gemeint, welches den sozialen und kulturellen Normen konform ist, mit welchen die Menschen aufgewachsen und erzogen wurden. Es sind allgemeine Konventionen und stillschweigende Gebote, welche eingehalten werden, will man ein "normaler" Bürger dieser Gesellschaft sein. Wenn nun Denken nur gesunder Menschenverstand ist, dann wäre ein absichtlicher Missbrauch des gesunden Menschenverstandes (etwa Rauchen, da der eigenen Gesundheit schädlich, und obwohl man weiss, dass Rauchen schädlich ist) nicht mehr Denken. Jedes "abnormale" Verhalten, welches sich ausserhalb der Norm befindet, wäre nicht mehr dem Denken zuzuordnen. Oft hat sich in der Geschichte der Menschheit der sogenannte gesunde Menschenverstand als äusserst "ungesund" gezeigt, indem der sich verzweifelt an Normen gehalten hat, welche als ungültig oder schädlich erkannt wurden, z.B. obwohl die Ernährungswissenschaft den übermässigen Fleischkonsum verurteilt und als schädlich erklärt hat, ist der Fleischkonsum dennoch jährlich gestiegen, gleichzeitig mit den Herzkrankheiten, die als Folge des übermässigen Fettgehaltes im Fleisch erscheinen. Diesen Begriff des Denkens nenne ich deshalb normativer Denkbegriff.


7. Alle bewussten Aktivitäten des Menschen gehören zum Denken

Dieser Begriff ist der weiteste von den bisher untersuchten und umfasst alle Bewusstseinsphänomene, wie Denken, Fühlen, Wollen etc. Da er nicht erklärend, sondern nur beschreibend ist, ist er zugleich auch sehr vage und offen für jedwelche Interpretation. Alle Menschen können zu dieser Aussage ihre Zustimmung geben, weil sie intuitiv richtig zu sein scheint. Unser Unterbewusstsein ist uns nicht im bewussten Zustand direkt zugänglich und da Denken immer mit einer aktiven Tätigkeit verbunden wird, muss Denken mit unserem Bewusstsein zusammenhängen, ja mit diesem identisch sein. Dass Bewusstsein und Denken jedoch nicht dasselbe sind, werden wir im Verlauf unserer Untersuchung noch feststellen. Es genügt hier nun zu sagen, dass die obige Aussage die bisher treffendste Beschreibung des Denkens darstellt, weil hier die direkte tägliche Erfahrung des Menschen dargestellt wird, ohne subjektiv oder interpretativ eine Bestimmung des Denkens vorzunehmen. Deshalb nenne ich diesen Begriff des Denkens phänomenologischer Denkbegriff.


8. Denken ist das Resultat von neuro-chemischen Prozessen im Gehirn

Wird der Durchschnittsmensch gefragt, wo Denken stattfindet oder lokalisierbar ist, zeigt er auf sein Gehirn. Kaum jemand wird einem Cartesianischen Dualismus anhängen wollen und behaupten, dass Denken und Bewusstsein eine der materiellen Substanz völlig verschiedene Substanz ist, ja vom Physischen völlig unabhängig. Dies beweist auch die psychologische Tatsache, dass unser "Ich" als im Kopf, hinter den Augen, lokalisiert empfunden wird. Diese Identität von Gehirn und Denken ist jedoch nicht oder nur schwer haltbar, was in der modernen Bewusstseinsdebatte sehr deutlich wird. Denn die Wissenschaft, im besonderen die Neurowissenschaft, vermag nämlich den subjektiven Aspekt des Bewusstseins nicht mit rein physischen Eigenschaften zu erklären. Die Eigenschaften des Denkens scheinen überhaupt nichts materielles an sich zu haben und sind völlig verschieden von materiellen Eigenschaften von physischen Objekten unserer Welt. Auch ein Epiphänomenalismus ist nicht haltbar, weil Denken nicht nur ein Produkt von physikalischen Prozessen sein kann. Hier hat die Wissenschaft bis heute noch nicht die Erklärung für den Übergang von physikalischen zu mentalen Strukturen gefunden. Wir werden uns mit diesen Theorien noch eingehend auseinandersetzen, Diesen Begriff des Denkens nenne ich reduktionistischer Denkbegriff, weil er versucht mentale Aspekte auf physische zu reduzieren.


9. Wenn der Mensch mit Absicht handelt, setzt dies Denken voraus

Hier scheint das Element der Absicht oder Intention das ausschlaggebende Merkmal für das Denken zu sein. Ebenfalls wird hier eine moralische Dimension angedeutet, weil Denken sich im Handeln äussert. Denken und Handeln werden hier verknüpft durch die Intentionalität des Denkens. Nur wer intentional handelt, denkt. Die Schlussfolgerung daraus wäre aber dann: wer nicht intentional handelt, denkt nicht. Hier müsste nun eine Definition von "Absicht" oder "Intention" folgen. Dieser Begriff hat sicherlich etwas mit Willen zu tun. Doch ich will nicht etwas unbewusst, sondern ich habe mir zuvor Gedanken über das Objekt meines Wollens und Handelns gemacht. Das intentionale Denken geht also dem Handeln voraus. Ein solches Handeln kann als moralisches Handeln bezeichnet werden, weil es Konsequenzen des Handelns mitberücksichtigt. Doch dies kann bezweifelt werden: wenn ein Dieb fremdes Eigentum stiehlt, tut er dies mit Absicht, nämlich sich zu bereichern, nicht aber kann sein Handeln als moralisch bezeichnet werden, da er nicht unbedingt die Konsequenzen berücksichtigt hat. Wir kommen mit dieser Aussage in ein äusserst komplexes Gebiet, das nämlich der Ethik. Und Ethik hat mit der Art und Weise des Handelns zu tun, wie ein Mensch in seinem Denken die folgenden Handlung initiiert. Deshalb nenne ich diesen Begriff des Denkens intentionaler Denkbegriff.


10. Denken ist Einsicht und Verstehen einer Sache

Dieser Begriff ist sehr eng gefasst, zeigt aber ein sehr wichtiges Element des höheren Denkens auf, also bereits des philosophischen und wissenschaftlichen Denkens. Wenn ich über eine Sache nachdenke und dabei zu einer neuen Erkenntnis oder Einsicht gelange, dann ist dies eigentliches Denken. Das Objekt des erkennenden Denkens ist hier nicht näher bestimmt und kann also ein alltägliches oder ein philosophisches sein. Wenn wir im Akt des Lernens eine Zusammenhang plötzlich verstehen und begreifen oder wenn ein Philosoph tiefe Erkenntnis bezüglich der Realität oder des Wesens des Menschen macht, in beiden Fällen trifft die obige Definition zu. Obwohl wir es in beiden Fällen mit einer Einsicht zu tun haben, unterscheiden sich die beiden Einsichten doch grundlegend. Die Natur dieser Erkenntnisse muss für eine exakte Bestimmung des Denkens berücksichtigt werden. Der Umfang einer Einsicht ist sehr relevant und bestimmt, ob unser Denken nur oberflächlich oder tiefgründend ist.
Da es sich hier also um eine erkenntnistheoretische Bestimmung handelt, nenne ich diesen Begriff des Denkens epistemologischer Denkbegriff.


Fazit

Wir haben nun kurz diese 10 Begriffsbestimmungen des Denkens untersucht und den jeweiligen Aspekt, welcher in dieser Aussage hervorgehoben wird, charakterisiert. In einem zweiten Schritt wollen wir nun diese 10 Aspekte als Ganzes anschauen und mögliche Übereinstimmungen oder gemeinsame Strukturen zu finden versuchen.

Die wichtigste Eigenschaft, die allen gemeinsam ist, ist die Aspektualität des Begriffs. Damit ist gemeint, dass jede Definition, bzw. jeder Denkbegriff nur einen Aspekt des Ganzen ausdrückt und in sich nicht vollständig ist. Es ist eine von vielen Sichtweisen in Bezug auf was Denken ist. Dass der Mensch normalerweise immer in Perspektiven denkt (s. Nietzsche) gehört zur Natur des Menschen und ist bedingt durch die Unvollständigkeit seines Wissens. Dass die Perspektivität nicht absolut ist, werden wir in unserer weiteren Untersuchung noch erkennen.

Mit der Aspektualität eines Begriffs eng verbunden ist die Relativität des Begriffs. Begriffe sind menschliche Konstrukte, die geschichtlich entstanden sind und an die Grenzen und Möglichkeiten der Sprache gebunden sind. Begriffe haben auch eine semantische Dimension, welche durch die Subjektivität und Interpretation des Subjekts bestimmt ist. Der Unterschied zur Aspektualität ist, dass jeder Begriff einen Bezug, eine Relation zu einem bestimmbaren Objekt besitzen muss, um überhaupt als sinnvoll und intelligibel erkannt zu werden. Keiner der 10 Denkbegriffe ist absolut, d.h. kann ohne einen Bezugsrahmen bestehen. Der Bezugsrahmen ist zugleich die Abgrenzung des Begriffs von einem anderen Begriff, er zeigt auf, dass der Begriff nur begrenzt anwendbar ist, nur innerhalb eines gewissen Rahmens gültig ist. Begriffe sind auch soziale und kulturelle Konstrukte, welche innerhalb der Vorstellungswelt einer gewissen Kultur relevant sind und auch innerhalb dieses Kontexts verstanden werden müssen. Und schliesslich wird der Begriff auch vom Verständnis und Wissen des Individuums geprägt. Je weiter der Verständnishorizont eines Menschen ist, desto weiter ist auch sein Begriff. Offenheit und kritisches Denken sind Voraussetzung für ein adäquates philosophisches Denken.

Einige der obigen Begriffe konvergieren in gewissen Bereichen, wie z.B. der eliminative und der ergonomische Denkbegriff, weil in beiden eine Fokussierung stattfindet. Die Begriffe sind nicht scharf voneinander getrennt, sondern überschneiden sich marginal, gerade auch weil die Begriffsbestimmung oft nur vage und nicht klar und deutlich ist. Es ist auch eine gewisse gegenseitige Bedingung und Abhängigkeit vorhanden, wie etwa Begriff 9 und 10. Wenn der Mensch mit Absicht handeln will, setzt dies ein gewisses Verstehen der Sache voraus.

Es gibt aber auch Begriffe, die voneinander divergieren, sich wesentlich im Gehalt der Aussage unterscheiden, ja sogar widersprechen und miteinander inkompatibel und unvereinbar sind, wie etwa 7 und 8. Das allgemeine Verständnis von Bewusstsein reduziert dieses nicht auf neurochemische Prozesse im Gehirn. Bewusstsein und subjektive Erfahrung ist immer mehr als das Produkt irgendwelcher physischer Prozesse. Obwohl gerade heute von einigen Wissenschaftlern versucht wird, diese beiden Bereiche als identisch zu beschreiben, wehrt sich das gemeine Verständnis und die eigene Erfahrung dagegen, eine solche simplifizierende Hypothese zu akzeptieren, denn der Vorteil dieser Hypothese ist, dass sie das moderne physikalische Weltbild rettet. Ist Bewusstsein etwas anderes als ein physikalisches Ereignis, ist unser wissenschaftliches Weltbild unvollständig. Und davor haben viele akademische Wissenschaftler Angst. Doch die Arroganz zu glauben, dass wir bereits alles wissen, was es über unsere Welt zu wissen gibt, ist viel fragwürdiger und bedenklicher als die Möglichkeit, dass Bewusstsein eine neue Dimension unserer Welt darstellen könnte.




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Updated: 9/3/99

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